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Nanga Parbat Winter-Expedition | 1. Bericht 18.12.2013

 

Interview mit Ralf von  Stefan Nestler | Blog Abenteuer Sport Deutsche Welle

Dujmovits: Ab 5000 Metern alleine unterwegs

Schnell und allein. Das ist die Taktik, die sich Ralf Dujmovits für seine Winterbesteigung des Nanga Parbat vorgenommen hat. Der Bergsteiger, der als erster Deutscher auf allen 14 Achttausendern stand, wählte eine ungewöhnliche Form, um sich zu akklimatisieren: Der 52-Jährige bestieg den Aconcagua, den höchsten Berg Südamerikas, und verbrachte auch zwei Nächte am 6962 Meter hohen Gipfel. Ralfs Frau, die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner, fehlt bei der Expedition zum Nanga Parbat. Die 43-Jährige muss ihre beim Training überbeanspruchten Gelenke kurieren. Ralf ist heute nach Pakistan gereist. Während seines kurzen Zwischenstopp zu Hause in Bühl habe ich mit ihm gesprochen:

Ralf, warum der Nanga Parbat?

Der Nanga Parbat ist für mich – und war auch lange Zeit für Gerlinde – der schönste Achttausender. Wann immer wir, nachdem die 14 Achttausender geschafft waren, gefragt wurden, an welchen dieser Berge wir vielleicht noch einmal zurückgehen wollten, haben wir unabhängig voneinander geantwortet: an den Nanga Parbat. 

Und warum ausgerechnet im Winter?

Es bietet sich natürlich an, etwas zu versuchen, was bisher noch nicht geglückt ist. Insofern macht es Sinn, die Rückkehr zum Nanga Parbat mit einer Winterbesteigung zu kombinieren. Wenn man eine Besteigung schon kennt, wenn man weiß, was an welchen Stellen auf einen zukommt, wie viele Höhenmeter noch fehlen, welche Schwierigkeiten noch zu bewältigen sind, dann ist das ein mentaler Vorteil. Auch eine Besteigung im Winter ist dann sicher deutlich weniger schwierig, als wenn man so einen Berg noch nie bestiegen hat.

Aber du giltst nicht unbedingt als ausgewiesener Winterexperte im Himalaya und Karakorum.

Mit Sicherheit nicht, aber ich habe sehr viel Erfahrung, und ich hoffe, dass ich davon bei diesem Winterprojekt profitieren kann. Es sind ja nicht nur die 14 Besteigungen. Ich habe auch sehr oft umgedreht. Bei meinen insgesamt 32 Versuchen an Achttausendern habe ich viel Erfahrung gesammelt. Ich glaube schon, dass ich mir das zutrauen kann.

Du willst über die Diamir-Flanke des Nanga Parbat aufsteigen. In den letzten Jahren sind Expeditionen dort häufig im Schnee gewissermaßen abgesoffen. Warum wählst du diese Seite?

Die Bergsteiger sind nur zum Teil im Schnee abgesoffen. Sie sind eher gescheitert, weil sie auf ihren Routen zu viel Blankeis angetroffen haben. Denis Urubko und Simon Moro zum Beispiel wollten 2012 eigentlich die Kinshofer-Route nehmen, haben aber gesehen, dass die Route zu viel Blankeis hatte. Ich denke, es hängt sehr viel von den aktuellen Verhältnissen ab. Ich mache mir im Vorfeld nicht den Stress, mich auf eine Route festzulegen, sondern lasse mir das offen. Ich schaue mir vor Ort die Verhältnisse an und werde mich dann für eine der Möglichkeiten entscheiden.

Du wirst dort unterwegs sein, wo im vergangenen Sommer Terroristen elf Bergsteiger erschossen haben. Machst du dir Sorgen um deine Sicherheit?

Was meine persönliche Sicherheit anbetrifft, nicht. Es wäre im Winter sicher einfacher, auf die Rupalseite zu gehen, wo jetzt auch andere Winterexpeditionen unterwegs sein werden. Aber ich glaube nicht, dass sich so ein furchtbarer Vorfall wiederholen wird, dass also die Taliban dort wieder auftauchen. Eine ganz andere Geschichte ist, damit umzugehen, dass ich jetzt quasi die nächste Expedition bin, die dort oben das Basislager aufschlagen wird. Damit habe ich mich sehr intensiv auseinandergesetzt. Die Leute brauchen den Bergtourismus und die Expeditionen. Das ganze Diamir-Tal lebt zu einem guten Teil von den Trägerdiensten. Wenn jetzt keine Expeditionen mehr kämen, wäre das ein Totalverlust für die Dörfer. Ich möchte einfach hinter das alles einen Punkt setzen und klarstellen, dass man dorthin weiter zum Bergsteigen gehen kann.

Du wirst vom Polen Dariusz, genannt „Darek“, Zaluski begleitet, einem Weggefährten eurer K-2-Expedition 2011. Seid ihr eine Zweier-Seilschaft?

Nein, Darek wird mich bis zum Basislager begleiten, maximal bis auf eine Höhe von 5000 Meter. Das ist der vordere Bereich mit eher flacheren Gletschern, wo man mit Spalten rechnen muss. Oberhalb von 5000 Metern hat man durchgängig steile Flanken, wo es zwar auch Spalten gibt, aber mit Sicherheit keine so tückischen wie auf in den flacheren Passagen. Darek hat nicht die gleiche Akklimatisation, wie ich sie von Südamerika mitgebracht habe. Deshalb werde ich oberhalb von 5000 Metern alleine unterwegs sein.

Das ist ja noch einmal eine ganz spezielle Herausforderung.

Ja, mit Sicherheit. Auf sich allein zurückgeworfen zu sein, mit der Einsamkeit umzugehen, das ist ein eigenes Thema. Aber ich möchte sehr unkompliziert und sehr schnell unterwegs sein. Und die schnellste Art, völlig frei und unabhängig agieren zu können, ist, alleine aufzusteigen. Ich habe mich darauf eingestellt. Ich war am Aconcagua tagelang alleine und habe mich dort gut akklimatisiert. Ich habe den Kopf frei genug und denke, dass ich mit der Einsamkeit umgehen kann.

Ein Soloprojekt ist auf jeden Fall risikoreicher, als wenn man im Team unterwegs ist. Was sagt Gerlinde als deine Frau dazu?

Gerlinde war nicht glücklich, als ich mit ihr über mein Projekt gesprochen habe. Aber sie weiß, dass ich das schon so lange im Hinterkopf mit mir herumtrage, dass sie mir keinen Stein in den Weg legen wollte. Aber ganz happy war sie damit natürlich nicht.

Du hast deine Akklimatisierung am Aconcagua angesprochen. Das ist sehr ungewöhnlich.

Ich habe über die Jahre hin bei den Winterexpeditionen festgestellt, dass sich  viele bei der reinen Vorakklimatisation an den Achttausendern aufgerieben haben. Sie haben sehr viel Energie verbraucht für den Aufbau der Hochlager, für das Einrichten der Fixseile und  andere Dinge mehr. Man hat im Winter nur sehr wenige, sehr kurze Wetterfenster. Wenn man die für die Akklimatisation quasi  verschwendet, ist das ein riesiger Verlust an Energie, die man sich für die  eigentliche Besteigung aufsparen sollte. Deshalb habe ich meine Vor-Akklimatisation in Südamerika gemacht, nicht anstrengungslos, aber angenehmer, weniger aufwändig, weniger hart  als an einem Achttausender. Ich habe heute Morgen auf der Waage gestanden. Ich habe in den dreieinhalb Wochen in Südamerika kein einziges Kilo verloren. Dabei habe ich im Hochlager vier Nächte auf 6000 Metern und zwei Nächte auf dem Gipfel des Aconcagua mit fast 7000 Metern verbracht. Ich bin also, meine ich, perfekt akklimatisiert.

Wie sieht dein Zeitplan für den Nanga Parbat aus?

Ich weiß, dass man im Winter nicht sehr lange die Kälte und den Wind am Berg aushält, deshalb habe ich nicht viel Zeit eingeplant. Wenn ich einen Tag nach der Ankunft im Basislager von Charly Gabl in Innsbruck die Auskunft bekommen sollte, dass ein Wetterfenster bevorsteht, könnte ich eigentlich sofort starten. Ich würde also versuchen, ohne Hochlager und Fixseile in einem Versuch durchzustarten.

Und wie viele Versuche gibst du dir?

Einen, maximal zwei.

P.S. Ich bleibe auch in Pakistan in Kontakt mit Ralf. Ihr werdet also hier im Blog aus erster Hand erfahren, wie es ihm am Nanga Parbat ergeht. | Stefan Nestler

 

       



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