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Nanga Parbat Winter-Expedition | Abschlussbericht 16.01.2014

 

Interview mit Ralf von Stefan Nestler | Blog Abenteuer Sport Deutsche Welle

 

Zwei Wochen sind vergangen, seitdem sich Ralf Dujmovits entschieden hat, seine Winterexpedition am Nanga Parbat wegen des zu großen Eisschlag-Risikos abzubrechen. Zwei Wochen, um sich noch einmal in Ruhe Gedanken über die Erlebnisse in Pakistan zu machen und auch den Blick in die Zukunft zu richten. Ich erreiche den 52 Jahre alten Bergsteiger daheim in Bühl zu Füßen des Schwarzwalds.

Ralf, wie fühlt sich der deutsche Winter für dich an im Vergleich zu dem in Pakistan, besonders am Nanga Parbat?

Ich stand in Frankfurt am Flughafen und dann in Mannheim und Karlsruhe beim Umsteigen am Bahnhof im kurzen Hemd, um mich herum dick eingepackte Leute. Ich habe mich erst mal wieder an die Wärme gewöhnen müssen. Wir haben hier einen sehr warmen Winter, und das ist schon ein krasser Gegensatz zu dem, was wir in Pakistan hatten. Trotz allem komme ich allmählich an und fühle mich auch in der Wärme wieder wohl.

Ist inzwischen die Enttäuschung darüber verflogen, dass du dein Vorhaben, den Berg erstmals im Winter zu besteigen, größtenteils im Alleingang, schon in 5500 Meter Höhe aufgeben musstest?

Die Enttäuschung spüre ich schon noch. Ich bin natürlich traurig, dass es nicht geklappt hat. Auf der anderen Seite, wenn ich mir jetzt im Nachhinein die Bilder anschaue, wo ich da herumgestiegen bin, dann muss ich sagen, es war sicher die richtige Entscheidung. Und dass wir am letzten Tag noch einmal einen großen Eislawinenabgang hatten, der uns fast erreicht hätte, war Zeichen genug, dass wir zusammenpacken sollten. Deshalb hält sich diese Traurigkeit in Grenzen.

Du hast die Eislawine vom letzten Tag angesprochen, als ihr euer Hochlager abgebaut habt. Wie knapp war es?

Die letzten Brocken, die auf uns zugeflogen sind, waren vielleicht noch 15 Meter von uns weg. Da waren Brocken so groß wie ein Kühlschrank dabei. Wir haben da richtig Schwein gehabt. Wir sind wirklich so schnell gelaufen, wie es unsere Beine in diesem Schnee hergegeben haben.

War das, hinterher betrachtet, eine Bestätigung dafür, dass du mit deiner Entscheidung, die Expedition abzubrechen, richtig lagst?

Ja, so habe ich das wirklich verstanden. Was mich beschäftigt ist, dass der Bereich, wo diese Eislawine herkam, den ganz normalen Zustieg zum Lager 1 auf der Kinshofer-Route bedroht. Das macht mich natürlich nachdenklich für zukünftige Expeditionen. Ich glaube, davor muss man eindringlich warnen. Wir haben eine besonders aktive Zeit des Eisbruchs erlebt. Aber man muss auf dem Normalweg zum Gipfel zwingend immer darunter hindurch.

Dein Plan lautete: Anderswo akklimatisieren, schnell hinauf, hinunter und wieder weg? Hast du am Nanga Parbat in dieser Hinsicht Lehrgeld bezahlen müssen?

Das Zeitfenster, das einem zur Verfügung steht, um diese Geschichte zu realisieren, ist relativ kurz. Das habe ich natürlich schon vorher gewusst. Aber ich habe am eigenen Leib erfahren, dass es, wenn das Gutwetterfenster nicht daherkommt wie erwartet, von der Akklimatisation her brenzlig wird. Da kommst du an einen Punkt, an dem du dich fragst, ob das wirklich gut geht, ob du wirklich noch ausreichend akklimatisiert bist. Eigentlich müsste man sich ein Zeitfenster von zehn, maximal 14 Tagen vorgeben und sich entsprechend auch nur für dieses Zeit mit Verpflegung eindecken. Wenn es dann passt, ist es gut, wenn nicht, gehe ich wieder heim. Ich glaube, dass es in dieser Form stimmig ist und funktionieren kann. Aber du brauchst im Winter natürlich auch ein bisschen Wetterglück.

Oder aber sehr viel Geduld, wie man jetzt auf der anderen Seite des Bergs sieht, wo die Teams auch noch nicht über eine Höhe von 6000 Meter gelangt sind.

Darek (Zaluski, mit dem Ralf am Nanga Parbat unterwegs war) hat mir gesagt, das sei der ganz normale Werdegang von Winterexpeditionen. Dass man sich langsam nach oben arbeitet, Fixseile anbringt, immer mehr Kraft verliert. Das geht dann irgendwann vielleicht auch an die Gesundheit, an die Substanz. Die Wahrscheinlichkeit, dass man dann über die Schlüsselstelle hinauskommt, dass man da oben auf über 7400 Metern auf die Diamir-Seite wechseln kann, ist nach den Worten von Darek verschwindend gering.

Du wolltest mit deiner Expedition auch ein Zeichen setzen, dass man trotz des Anschlags im vergangenen Sommer weiterhin zum Nanga Parbat reisen kann, um dort bergzusteigen. Hältst du die Empfehlung aufrecht?

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, es sind weniger die Probleme mit den Taliban im größeren, überregionalen Umfeld des Nanga Parbat, sondern es sind eher kleinräumige, soziokulturelle Zusammenhänge oberhalb von Chilas, direkt im Diamir-Tal. Die Bevölkerung dort ist sehr konservativ und fundamentalistisch. Es gibt nach wie vor viele Fehden. Wenn irgendwann einmal die Großväter miteinander gestritten haben, tragen es noch die Enkelkinder aus.  Die Leute sind Fremden gegenüber wenig offen. Man fühlt sich dort nicht unbedingt willkommen. Ich bin mir inzwischen auch nicht mehr hundertprozentig sicher, ob der Anschlag im Basislager wirklich von den gemutmaßten Taliban verübt wurde.  Ich sage das ganz offen, ich bin von meiner ursprünglichen Überzeugung sehr stark abgekommen. 

Wie geht es für dich jetzt weiter?

Ich werde dieses Jahr relativ viel unterwegs sein. Ende Februar reise ich nach Feuerland, um eine Fernsehdokumentation über die dort lebenden Indianer zu drehen. Gleichzeitig wollen wir (Ralf Gantzhorn, Rainer Pircher, Ralf Frau Gerlinde Kaltenbrunner und er) versuchen, den Monte Sarmiento  zu besteigen. Danach werde ich zwei Tage zu Hause sein, um anschließend direkt zum Everest zu starten.

Um ihn im vierten Anlauf endlich auch ohne Flaschensauerstoff zu besteigen?

Es ist definitiv der letzte Versuch. Ich probiere es jetzt noch einmal auf der Nordseite.

Als Mitglied einer internationalen Expedition?

Im Basislager bin ich wahrscheinlich mit anderen zusammen, aber oben am Berg will ich völlig unabhängig agieren und mich auch für die Route entscheiden, von der ich das Gefühl habe, das sie für mich passt. Ich mache mir da überhaupt keinen Druck. Ich würde mich natürlich freuen, wenn ich durch den oberen Teil des Norton-Couloirs aufsteigen könnte, aber ich halte mir das völlig offen. Von meiner Fitness her habe ich keine Bedenken. Ich hoffe, dass es vielleicht noch einmal klappt. Ich werde mir alle Mühe geben.



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